>> Home
 

"Man muss
das alles
gerne tun"

DRK-Altenpflegerin Ilse Jacoby mit
ihrem Dienstfahrzeug.
Es ist kurz nach sechs Uhr am Morgen und Ilse Jacoby, 48, examinierte Altenpflegerin, will ihren Dienstwagen vor der Sozialstation am Stadtwald in Prüm zur Frühschicht starten. Acht von 110 DRK-"Kunden" im Prümer Land stehen auf ihrer heutigen 82-Kilometer-Runde, die rund viereinhalb Stunden dauern wird. Doch vor den Start hat das deutsche Gesundheitssystem den Log-In in die MDA-Software über den Palm gesetzt, und der ist noch nicht online. Eine kurze Verzögerung, dann ist Pflegerin Ilse "drin". Sie gibt Mitarbeiternummer, Datum, Uhrzeit ein. Ab jetzt läuft ein Countdown: Wie lange wird sie für welchen Abrechnungspunkt auf der 26 Leistungsmerkmale umfassenden Liste für die ambulante Kranken- und Altenpflege tatsächlich brauchen? Kommt sie mit der Zeit für ihre Kunden hin, ist ihre Zielperson schnell genug "mobilisiert", also im Bett aufgerichtet, aufgestanden , angekleidet, im eventuell nötigen Rollstuhl?
Das alles und noch viel mehr muss eine ambulante Pflegekraft bei jedem Besuch zusätzlich penibel genau im Patiententagebuch vor Ort vermerken. Sie muss im Gespräch mit Angehörigen, die die häusliche Pflege unterstützen, erfahren haben, ob Krankenhausaufenthalte vereinbart sind, Arztbesuche anstehen oder Medikamente neu gestellt werden müssen. Das ist das Eine.
Das Andere ist "die Zeit für das Gespräch zwischendurch", wie die 48-jährige unterwegs erklärt, die Zeit zuzuhören, Dienst nicht nach Vorschrift zu machen, nicht an die ärmlichen 4,32 Euro Wegepauschale zu denken, die Ihr Arbeitgeber wie alle anderen Sozialdienste für die An- und Abfahrt egal wohin erhält. Zu vergessen, dass die Stichprobenkontrollen des "Medizinischen Dienstes" der Pflegekassen nur bedingt Verständnis dafür haben dürfen, dass sie oft genug vor Ort bei ihren Kunden die einzige Bezugsperson ist an einem langen Tag.
Sie geht pragmatisch und freundlich zu Werke, die Uhr läuft.
Peter Meier (alle Namen von Kunden geändert, Anm. d. Red.) ist 81. Seit Oktober 2001 ist der ehemalige Maschinenschlosser linksseitig gelähmt. Er hat Diabetes und Gürtelrose und ist auf ein Sicherungsbett angewiesen, damit er im Schlaf nicht auf den Boden fällt. Als Ilse Jacoby bei Meiers in Steinmehlen anklingelt, kommt seine Frau an die Tür. Aufstehen, waschen, Frühstück - das ist auf dieser Etappe der Pflege-Dienstplan. Im Schlafzimmer ist "Kunde" Meier noch nicht ganz wach. Behutsam weckt ihn Ilse Jacoby, "Das Prümer Mädchen ist da", unterstützt Frau Meier sanft die Versuche. Der 81-jährige wird "mobilisiert", mit tapsigen Schritten geht er am Arm der Fachfrau ins Badezimmer, die Morgentoilette wird absolviert. Ilse Jacoby geht pragmatisch und freundlich zu Werke, die Uhr läuft.
Sie könne ihren Mann nicht alleine pflegen erklärt unterdessen die 76-jährige Ehefrau. Wie soll sie es zum Beispiel schaffen täglich mehrfach einen 85 Kilo schweren Körper aus dem Bett in den Rollstuhl und zurück zu wuchten? Also hat sie in Zusammenarbeit mit dem DRK die für sie passende Pflegestufe beantragt. Davon gibt es drei von "erheblicher Pflegebedürftigkeit" bis zur "schwerst Pflegebedürftigkeit", und ist die Zuweisung einmal anerkannt zahlt die Pflegversicherung zwischen 384 und 1432 Euro monatlichen Zuschuss für die ambulante Hilfe. Das reicht natürlich nicht. Die Pflegekasse hat ihre Grenzen, das DRK sein Budget, und dazwischen wird versucht einen Bedarf zu decken "der eigentlich noch viel höher ist", so Ilse Jacoby.
Seit 28 Jahren ist sie im Prümer Land unterwegs. "Früher war der Pfleger, der nach Hause kommt, vielen Leuten peinlich. Was sagen die im Dorf dazu? Dann hieß es: Stellen Sie aber ihr Auto an der Ecke oder hinter dem Haus ab". Heute treffen sich die Mitarbeiterfahrzeuge der zur Zeit fünf verschiedenen Anbieter im Prümer Land zu gewohnten Stunden immer wieder auf den Straßen und vor den Häusern. Eine Boom-Branche. Das DRK-Prüm behauptet sich hinter der Caritas auf Platz 2, in den letzten zwei Jahren hat sich die Kundenkartei von 40 auf 110 fast verdreifacht, die älteste DRK-Abonnentin ist 102.
Peinlich ist es schon lange nicht mehr, einen ambulanten Pflegedienst zu abonnieren. Da hat sich zum Wohle der Kunden einiges geändert. Auch bei der Verfügbarkeit der Hilfsmittel - die nötige Zuzahlung ist ein anders Thema. "Wenn ein Kunde früher bettlägerig war, hat man ihn vor Druckstellengeschwüren zum Beispiel mit Fellen oder Gummibändern geschützt, heute gibt es dafür eine Wechseldruckmatratze im Spezialbett", so Jacoby.
"Verhinderungspflege"
Bis zu fünf Mal täglich in besonders schlimmen Fällen ist einer der 30 Mitarbeiter des DRK-Prüm in einem der elf Dienstfahrzeugen vor Ort. Morgens, abends, tagsüber. Dazu zur "Verhinderungspflege", wenn der mithelfende Familienangehörige gerade nicht am Platz sein können, aber der nötige Einkauf im Supermarkt zum Beispiel auf der Tagesordnung steht.
Für den 56-jährigen Willi Schmitz ist der Besuch der Pflegerin einer der wenigen Sozialkontakte, die er überhaupt noch hat. Er war einmal selbständig, er führte ein geordnetes Leben. Stürze mit Verletzungen bis zur Fraktur der Schädeldecke, lange Krankenhausaufenthalte: Willi Schmitz sitzt heute im Rollstuhl, eine Arbeit hat er nicht mehr. Bei der Pflegekasse wurde der Antrag auf Einstufung abgelehnt: Verletzungen, die in einem halben Jahr verheilen können, sind kein Fall für uns, hieß es. Die gesetzliche Betreuung hat der SKFM (Sozialdienst katholischer Frauen und Männer) übernommen und das DRK beauftragt. Der SKFM rechnet die Pflegekosten mit dem Sozialamt bis auf das Existenzminimum von Schmitz ab. An diesem Morgen ist Willi Schmitz schon vor der Zeit in Tagesform. Die Morgentoilette hat er selber hingekriegt. Ein Reporter sei mit dabei auf der Tour, hat ihn Jakoby tags zuvor um Erlaubnis für die erweiterte Stippvisite gebeten. Die hat er erteilt, jetzt will er es auch besonders gut machen.
"Man muss erst einmal bereit sein, dass von jetzt auf gleich jemand kommt und bis in die Intimsphäre eindringt", beschreibt Petra Müller in Prüm die Scham auch von Peter Schmitz. Sie leidet seit fünf Jahren an Multipler Sklerose und sitzt im "Life-Stand" einem speziell für dieses Krankheitsbild entwickelten hydraulischen Rollstuhl, in dem sie sogar aufrecht stehen kann. Damals, als alles anfing, hat sie mit ihrem Mann überlegt, wie es weiter gehen soll. "Mein Mann kann es nicht, der ist tagsüber zur Arbeit, also brauchte ich eine Pflegerin", fasst die 48-jährige die Überlegungen zusammen. Energie hat sie für fünf - und ist doch abhängig davon, dass jemand zu ihr kommt und hilft das neue Leben mit der Krankheit zu meistern. "Diese Pflege ist etwas, was man eigentlich genießen soll", meint sie, "ich darf mir die Pflege nehmen, damit es mir besser geht. Mein Leben ist lebenswert mit und durch die Pflege".
Nach viereinhalb Stunden kehrt Ilse Jacoby zur DRK-Station in der ehemaligen "Housing" am Stadtrand von Prüm zurück. Es lief alles nach Plan. Der neue Opel Corsa hat sogar eine Klimaanlage, sagt sie bei der Rückfahrt. Das sei im Sommer von Vorteil. Außer bei Glatteis mache ihr die Kurverei durch das Prümer Land bei Wind und Wetter und rund um die Uhr wenig aus. "Man muss das gerne tun", wirbt sie für ihren Beruf, während sie sich wieder aus der MDA ausloggt. Und dann fügt sie hinzu: "So gut, wie die alten Menschen heute werden wir nicht mehr versorgt werden".
Orange 7 - 2008
 
 
>> Top