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"Wir fühlen unsere Interessen nicht vertreten"
Bettina Even-Kiefer und Arthur
Kiefer müssen Investitionen
verschieben. Die Erlöse aus dem
Milchpreis sind einfach zu gering.
Der Blick geht bei schönem Wetter bis zum Flugplatz Hahn: "Da kann man dann die Starts und Landungen mitverfolgen", meint Bettina Even-Kiefer. Sie ist zusammen mit ihrem Mann Arthur Vollerwerbslandwirt auf dem Kiefernhof oberhalb von Demerath und auf diesen ersten oberflächlichen Blick ist auch hier die bäuerliche Welt noch in Ordnung. 82 Milchkühe hat der vor 20 Jahre aus dem unterhalb gelegenen Dorf ausgesiedelte Betrieb, dazu zwei Deckbullen und 130 Hektar Land.
Doch eben nur auf den ersten Blick: Folgenloser Molkereiboykott, verschärfte Subventionspolitik, sinkende Milchpreise - viele Landwirte bangen um ihre Zukunft. Denn schaut man genauer hin, ist auch hier längst nicht mehr alles im Lot. Die bekannte Schwarz-rot-goldene Milchkuh des Bund Deutscher Milchviehhalter (BDM) und der aufgepinselten Forderung nach 40 Cent für den Liter Rohmilch - den "fairen Preis" - steht unübersehbar an der Einfahrt zum Wohnhaus der Landwirte. Und damit ist schon klar, wie die Stimmungslage auch bei Bettina Even-Kiefer ist: "Wir fühlen unsere Interessen vom Bauernverband nicht mehr vertreten, deshalb sind wir da ausgetreten. Bestimmte Funktionäre sind auch in Gremien vertreten, deren Ziele den unseren zum Teil zuwiderlaufen", meint die Bäuerin.
Zur aktuellen Milchpreisdiskussion hat auch sie eine klare Meinung, und Gleichgesinnte trifft sie im BDM: "Preise werden normalerweise von unten gemacht. Materialkosten, Produktion, Arbeitslohn, und dann geht das Produkt an den Markt. Nur bei den Milchpreisen wird das von oben gesetzt, das ist schon immer so gewesen". Even-Kiefer hat da kein Verständnis. Die gelernte Textilbetriebswirtin, die ihrem Arthur zuliebe als Quereinsteigerin in die Landwirtschaft gegangen ist, ist sich sicher: "In normalen Industriebetrieben würde man die Produktion zurückfahren, um den Preis zu halten. Bei der Milch ist das nicht so. Es gibt davon zu viel. Deshalb fordern wir die Möglichkeit, die Produktion der Nachfrage anzupassen und einen kostendeckenden Preis." Dafür, meint sie entschieden, müsse "man nicht studiert haben, um zu wissen, wenn zu viel von einem Produkt da ist, ist der Preis im Keller".
Mehr als 34 Cent für den Liter Milch sind nicht drin - der Weltmarktpreis liegt deutlich darunter
Die 82 Milchkühe auf dem Kiefernhof, die eine durchschnittliche Jahresmenge von 8200 Litern Rohmilch liefern, können jedenfalls nichts dafür. Bekannterweise liefern Deutschlands 101.200 Milchviehhalter einfach zu viel Milch bei den Molkereien ab. 28,4 Millionen Tonnen waren es 2007. Und was sie dafür kriegen, es reicht schon wieder seit Monaten nicht so recht zum Überleben; zum Sterben ist es zu viel. Der sommerliche "Milchkrieg" um den "fairen Preis" für den Liter Rohmilch ist ein halbes Jahr später schon wieder verpufft.
Die Milch-Union Hocheifel wie die Erbeskopf-Eifelperle der Hochwald Nahrungsmittel-Werke GmbH sind Genossenschaften. Sie gehören den Landwirten. 3020 Mitglieder, davon 2600 aktive Lieferanten hat die MUH (Stand November 2008), 9150 Mitglieder die "Eifelperle" mit circa 5150 Lieferanten. Auch die Molkereien stehen aus Sicht vor allem des Bundesverbands Deutscher Milchviehhalter (BDM) in der Kritik. MUH und Hochwald zahlten ihren Landwirten im Oktober rückwirkend 34 Cent pro Kilogramm Milch. Das machen die Unternehmen natürlich nicht aus Spaß an der Beschleunigung des Bauernhofsterbens, sondern auch deshalb, weil höhere Preise derzeit im Lebensmittelhandel nicht durchsetzbar sind. "Die Milch-Union Hocheifel e.G. hat als eingetragene Genossenschaft immer das Ziel ihren Mitgliedern den bestmöglichen Milchpreis auszuzahlen. Das heißt, wir zahlen den Milchpreis aus, den wir auch erwirtschaften. Im Schnitt der vergangenen fünf Jahre steht die MUH, was den Auszahlungspreis betrifft deutschlandweit ganz vorne und wird im Jahresmittel einen ähnlichen Auszahlungspreis wie im Vorjahr erzielen", argumentiert Wolfgang Rommel von der MUH.
Doch mehr als die 34 Cent sei derzeit einfach nicht drin. Immerhin: Der Weltmarktpreis ist noch deutlich niedriger. Mit Preissenkungen auf Milch und Molkereiprodukte zwischen 10 und 20 Prozent in den vergangenen Wochen wird deutlich, welche Macht der Lebensmittelhandel auch auf das Pronsfelder Unternehmen ausüben kann, um den Auszahlungspreis an die Lieferanten niedrig zu halten. Es gibt ja Milch EU-weit in Hülle und Fülle.
Eine kleine Revolution von unten
Von den 200 Milchbauern im Landkreis Vulkaneifel zum Beispiel sind mittlerweile schon 112 in den erst seit September 2006 im Landkreis organisierten Bund Deutscher Milchviehhalter eingetreten. Eine kleine Revolution von unten ist da ausgebrochen, denn "ihrem" Bauernverband alleine trauen viele deutsche Milchbauern wie auch Even-Kiefer offenbar nicht mehr so ganz. Der BDM fordert die berühmte "Milchquote" endlich flexibel zu handhaben, um die Menge besser dem Markt anpassen zu können". Sie sind auch mit der von der EU jetzt beschlossenen Steigerung der Quote um jährlich 1 Prozent bis 2013 - 2015 soll die Milchquote wegfallen - nicht glücklich. Sie wollen einen anderen Umrechnungsmodus, der die Milchquote um einen weiteren halben Prozentpunkt pro Jahr reduzieren würde. Um solche Beträge geht es mittlerweile, wenn ein ganzer ehrwürdiger Berufsstand in weiten Teilen Deutschlands ums Überleben kämpft.
Dass die eigentliche Standesvertretung, der Deutsche Bauernverband, es angesichts der bereits 2003 beschlossenen und 2005 umgesetzten agrarpolitischen Beschlüsse zum Ausstieg aus der Milchmarktordnung nicht leicht hat, ist auch Leo Blum, Präsident des Bauern- und Winzerverbandes Rheinland-Nassau in Koblenz klar. Er hält dagegen: "Auch wir glauben, dass bessere Preise nur über die Anpassung von Angebot und Nachfrage möglich sind. Wir sind gegen einseitige Veränderungen zulasten der deutschen Milcherzeuger und der Molkereiwirtschaft".
Der Verzicht auf die Saldierungsstufen, wie es der BDM für Deutschland gefordert hat, schwäche gerade die Milcherzeuger hier in der Eifel, so Blum. Das fördere die Überlieferung in anderen Regionen Deutschlands, meint er. Außerdem würde ein einseitiger nationaler Produktionsverzicht von den Nachbarstaaten ausgenutzt werden; von daher akzeptiere der Bauernverband nur einen EU-weiten Verzicht. Der zeichne sich aber nicht ab, im Gegenteil, die meisten EU-Mitgliedsstaaten wollten die nationale Quote sogar bis zu zehn Prozent aufstocken.
In dieser Situation verschärfen die Beschlüsse der EU-Agrarminister vom 20. November noch die Lage der Bauern. Die bisherigen jährlichen Agrarsubventionen werden EU-weit bis 2012 reduziert. Deutschlands Bauern verlieren dadurch jährlich bis zu 240 Millionen Euro. Sie können neues Geld nur für spezielle regionale Programme für Umweltmaßnahmen erhalten. Deshalb soll der ebenfalls am 20. November beschlossene deutsche "Milchfonds" in Höhe von bis 350 Millionen Euro im Jahre 2013 den Landwirten, die einseitig vom Grünland abhängen, bei der nötigen Strukturreform helfen.
Auf dem Kiefernhof haben Bettina Even-Kiefer und ihr Mann Arthur nun immer noch das alte Problem, dass sie sich der EU-Agrarpolitik als kleinstes Rädchen unterordnen müssen. Die Milchpreise sollen bis zum Frühjahr auf deutlich unter 30 Cent fallen. Das bedeutet weiterhin, dass nötige Investitionen in Höhe von rund 100.000 Euro warten müssen. Eine Ladefahrzeug müsste her, das Hofgelände befestigt werden, die offenen Tore zwischen den Viehställen gehören sachgerecht verschlossen. Zudem müssen rasant gestiegene Preise für Agrardiesel, Düngemittel und Tierfutter verkraftet werden. Unterm Strich sinken die Erträge immer mehr. Zuschüsse aus dem Bergbauernprogramm oder Betriebsprämien werden den heutigen "Kiefernhof" nicht retten. Bis auf Weiteres karrt Arthur Kiefer also auch in diesem Winter Strohballen zwischen die Stalleingänge. Zeitgemäß ist das nicht, aber die Lösung hat sich mittlerweile bewährt.
Orange 7 - 2008
 
 
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