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Überbringer
der traurigen
Nachricht

Zur Weinfelder Kapelle kommt
Notfallnachsorgerin Doris Ring um
einen "Fall" für sich abzuschließen.
Notfallnachsorger: erste Helfer der Angehörigen bei Todesfällen Seit rund fünf Jahren baut das DRK bundesweit einen Notfallnachsorgedienst auf. Freiwillige werden für den Erstkontakt mit Angehörigen oder Hinterbliebenen geschult.
"Hier bin ich schon öfter gewesen". Doris Ring steht an der Kapelle oberhalb des Weinfelder Maars in der Eifel. Der ehemalige Vulkankrater wird auch "Totenmaar" genannt. Mit Toten hat es auch zu tun, wenn die 43-jährige hierhin kommt. Denn wenn sie in der kleinen Kapelle eine Kerze entzündet weiß sie, dass sie es geschafft hat. Dann nimmt sie Abschied für sich. Von einem Toten, den sie nicht gekannt hat. Die Frau mit den langen blonden Haaren und dem sanften Blick ist eine von 13 ehrenamtlichen Helfern, die in der Notfallnachsorge des DRK (Deutsches Rotes Kreuz) in der nahen Kreisstadt Daun in der Eifel arbeiten. Notfallnachsorge springt ein, wenn Hinterbliebene über den plötzlichen Tod eines Angehörigen informiert werden müssen. Wenn jemand in dem Moment da sein muss, in dem mit einem Satz eine ganze Welt aus den Fugen geraten kann.
Notfallnachsorge ist ein freiwilliges Angebot, auf das sich die Helfer einlassen. Auch die Betroffenen, um die es geht. Vom DRK wird es bundesweit seit knapp fünf Jahren aufgebaut und vom Dauner Kreisverband für die umliegenden Verbandsgemeinden in der rheinland-pfälzischen Eifel vorgehalten.
Kein Fall für Leute mit Helfersyndrom
20 Mal ist Doris Ring mittlerweile auf ihre kleine Wanderung zur Kapelle am Totenmaar gegangen. So oft war zuvor das Schlimmste passiert: Tod bei einem Verkehrsunfall, erfolglose Reanimation nach einem Herzstillstand, Selbstmord, plötzlicher Tod. Feuerwehr, Polizei, Rettungsdienst oder die Ärzte aus der Notfallaufnahme hatten die Integrierte Leitstelle in Tier informiert: Ein Fall aus der Region! Die Leitstelle hatte die Kontaktdaten an das DRK weitergeleitet. 20 mal sprang danach über die Notfallfunkfrequenz der Piepser bei Doris Ring an.
Wer sich zutraut, dann für die Überbringung einer schlechten Nachricht bereit zu sein, muss selber psychisch stabil sein: "Wer ein Helfersyndrom hat, kann das nicht", warnt DRK-Kreisgeschäftsführerin Ingrid Bretz. Ihre 13 Mitarbeiter für den Ernstfall haben jeweils 80 Lerneinheiten hinter sich, bevor sie zum Einsatz kommen. Sie kennen sich in Erster Hilfe, Grundbegriffen der Psychotherapie aus, können sich rechtlich absichern und haben die Adressen der örtlichen Bestatter. Sie wissen, welchen Stellenwert Trauer in den unterschiedlichen Religionen und Glaubensgemeinschaften hat. Ihnen ist klar, dass vor allem bei plötzlichem Kindstod eine ganze Familie zerbrechen kann - und immer die Staatsanwaltschaft eingeschaltet werden muss. Und sie bleiben so lange vor Ort, bis die Hilfe zur Selbsthilfe bei den Hinterbliebenen, bis das soziale Netz greift. Sie kontrollieren das auch Tage später über Telefon oder Hausbesuch. Wenn das alles von den Betroffenen gewünscht ist.
Das Wichtigste zuerst: das "Türöffnergespräch"
Es ist jetzt soweit. Doris Ring und ein Kollege ziehen sich die rote DRK-Jacke an und packen den DRK-Ausweis ein. Notfallnachsorger gehen immer zu zweit los. Sie müssen ernst genommen werden können. Unmissverständlich, endgültig, sofort. Sie suchen die Adresse auf. Klingeln an der Haustür. Die Tür öffnet sich. Vor ihnen steht jemand, der vielleicht der Partner oder ein Angehöriger des Verstorbenen ist. "Guten Tag, mein Name ist Doris Ring. Ich komme von der Notfallnachsorge des DRK. Darf ich bitte eintreten? Ich muss Ihnen eine schlimme Nachricht überbringen". Im Fachterminus heißt das "Türöffnergespräch". Heute wie früher eigentlich Sache der Polizei. Doch auch Heinz-Peter Thiel, Inspektionsleiter der Polizei in Daun, ist froh, dass seine Beamten mittlerweile auf die ehrenamtlichen Spezialisten zurückgreifen können: "Wir fühlen uns da sehr gut entlastet."
Es war im Herbst 2003 als Doris Ring am eigenen Leibe erfahren hat, was es heißt, wenn man in diesem Moment als naher Angehöriger oder Hinterbliebener alleine ist: "Eine Freundin war plötzlich verstorben. Sie hinterließ drei Kinder, das Jüngste war fünf. Ich habe mich darum gekümmert. Sonst war keiner da". Als das Schlimmste nach sechs Stunden vorbei war, als die Kinder versorgt waren, Verwandte, Bekannte, Freunde eintrafen und die Sorge übernahmen, war Doris Rings erster "Einsatz" beendet.
Kurze Zeit später las sie einen Aufruf in der Zeitung. Beim DRK suchte man dringend Freiwillige für die Notfallnachsorge. Sie hat sich sofort gemeldet. Am 27. Dezember 2003 hatte sie ihren ersten Funkruf: "Morgens war eine Frau plötzlich verstorben. Ihr Partner völlig hilflos. Die Tochter musste erst gesucht werden". Doris Ring und eine Kollegin übernahmen. Weil ein Außenstehender so etwas in solchen Momenten manchmal einfach besser kann, die besseren Worte findet. Ein Außenstehender, dem das Leid eines Fremden sehr nahe geht.
"Ich wusste ich kann das"
Für den 56-jährigen Willi Schmitz ist der Besuch der Pflegerin einer der wenigen Sozialkontakte, die er überhaupt noch hat. Er war einmal selbständig, er führte ein geordnetes Leben. Stürze mit Verletzungen bis zur Fraktur der Schädeldecke, lange Krankenhausaufenthalte: Willi Schmitz sitzt heute im Rollstuhl, eine Arbeit hat er nicht mehr. Bei der Pflegekasse wurde der Antrag auf Einstufung abgelehnt: Verletzungen, die in einem halben Jahr verheilen können, sind kein Fall für uns, hieß es. Die gesetzliche Betreuung hat der SKFM (Sozialdienst katholischer Frauen und Männer) übernommen und das DRK beauftragt. Der SKFM rechnet die Pflegekosten mit dem Sozialamt bis auf das Existenzminimum von Schmitz ab. An diesem Morgen ist Willi Schmitz schon vor der Zeit in Tagesform. Die Morgentoilette hat er selber hingekriegt. Ein Reporter sei mit dabei auf der Tour, hat ihn Jakoby tags zuvor um Erlaubnis für die erweiterte Stippvisite gebeten. Die hat er erteilt, jetzt will er es auch besonders gut machen.
"Ich wusste damals, ich kann das", sagt die Helferin der ersten Stunde, "ich hatte zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, dass ich nicht weiß, wo mir der Kopf steht". Wie damals hat sie sich seitdem nach jedem Einsatz mit den Kollegen besprochen, ihre Erfahrungen zusammengefasst, sich selbst Rat und Hilfe für die nächsten Fälle geholt, wenn sie das brauchte.
Mittlerweile ist sie 20 mal unterwegs gewesen zum "Türöffnungsgespräch". Sie habe "ein positives Gefühl, wenn ich die Familie, in die ich gegangen bin, wieder verlasse", sagt sie vor der Kapelle am Totenmaar. Sie hat dann nach ihrem Gewissen das Mögliche getan. Brücken über Klippen von ganz individuellen Weltuntergängen gebaut. "Wir wollen Mut machen, dass es weitergeht", sagt sie. Mehr kann sie nicht anbieten.
Orange 7 - 2008
 
 
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