| Das Wetter
passt. Dichter Nebel hängt bei der Anfahrt nach Oberpierscheid
(Verbandsgemeinde Arzfeld) auch über diesem schönen
Flecken Südeifel. Grau in Grau alles in Phillipsweiler,
und dann in Oberpierscheid, hier, von wo man eigentlich
den traumhaften Blick in die Täler hat: Nur an den
Ortsschildern, die man passiert, springen einem die Warntafeln
mit blutroter Schrift auf weißem Grund ins Gesicht:
"Sperrgebiet", "Gefährdeter Bezirk".
Ein Makel. Doch auf Bauer Fischbachs
Hof ("in der wievielten Generation wir hier Bauern
sind, weiß ich gar nicht"), mitten im Ort,
herrschen deshalb keine Ausnahmezustände. Das ist
vielleicht das Unheimliche an der Situation: Außer
dem aufgeschnittenen weißen Plastikkanister, in
dem eine bräunlich-gelbe Brühe schwappt -
das Desinfektionsmittel für die Stallstiefel -
deutet nichts auf die "Naturkatastrophe" hin.
Als solche empfindet Fischbach, was sich irgendwie absehbar
seit April dieses Jahres entwickelt hat.
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Damals wurde im Raum Giesdorf der erste
Fall von Wildschweinepest entdeckt. Und dann ging es
eigentlich Schlag auf Schlag. Und es wurde immer schlimmer.
Landwirte hätten ihr Stroh seitdem nicht mehr ins
Ausland verkaufen dürfen, weiß Fischbach.
Und die Ferkel, Fischbach hat rund 150 Schweine in seinem
Mastbetrieb neben rund 20 Stück Ammenvieh mit nachfolgender
Mast von Bullen und Rindern, wurden von der Auktion
genommen. "Ich bin einer der zwölf Gründer
der Ferkelerzeugergemeinschaft, die Schweinepest wird
der Todesstoß für die Auktion sein",
ist der 62-jährige überzeugt. Gut dass da
die SVG (Schweinevermarktungsgenossenschaft) einsprang.
Die nahm auch Fischbach die Jung-Schweine ab, aber für
15 Mark pro Ferkel weniger.
Hätte er geahnt, dass das erst
der Anfang war, dass ihm jetzt schon rund 4.000 Mark
am schmalen Einkommen fehlen. Und dann der erste Fall
von Schweinepest in Weidingen um den 10. November. Jetzt
liegt sein Betrieb auch ganz offiziell im "Beobachtungsgebiet".
Man hat amtlicherseits ein Auge auf ihn. Der Veterinär
war da. Hat den Schweinebestand gezählt. Ihn gefragt:
Wo kriegst du deine Schweine her? Wohin verkaufst du
sie? Wer besucht dich auf deinem Hof? Sie werden vielleicht
demnächst kommen, Blutproben seines Bestandes ziehen.
Und vielleicht wird er schon vorher eines Morgens die
Stalltür öffnen: "Da habe ich Angst vor,
dass die Schweinepest da ist, man soll sie an den blauen
Ohren der Tiere erkennen können."
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Da der Virus auch über die Kleidung
übertragen werden kann, "müsste man uns
jetzt eigentlich einsperren", so Fischbach. Läge
sein Hof im "Sperrgebiet", das schon einen
Oberpierscheider Ortsteil weiter anfängt, dann
dürfte er keinen mehr auf den Hof fahren lassen.
Schon jetzt werden die Versammlungen der Bauern wegen
der Übertragungsgefahr verboten. Aktionismus gegen
einen Teufelskreis? "Wenn ich mit dem Traktor auf
eines meiner Felder am Waldrand fahre, da, wo sich Wildschweine
aufhalten, dann wieder auf den Hof, da kann der Virus
an den Reifen sein."
Soll er die beiden Hofkatzen einschläfern
lassen? Und die Enkelchen der drei erwachsenen Töchter?
Keine Besuche mehr bei Opa Fischbach? Es ist eben unmöglich,
einen ganzen Bevölkerungsteil unter Quarantäne
zu stellen. Da mache doch schon der Postbote nicht mit.
Der rollt jeden Morgen auf den Hof.
Schlimmer ist, dass auch für Bauer
Fischbach die Vermarktung der Ferkel und Schweine total
blockiert ist. "Ich bin Direktvermarkter mit einem
Landmetzger in Baustert. Dem hatte ich schon auf drei
Wochen hin Mastschweine verkauft. Jetzt holt er sich
sein Fleisch eben woanders." Ja, er glaube schon,
dass durch die Vermarktungssperre "Freundschaften
zwischen Anbieter und Abnehmer in die Brüche gehen
werden". Und unter den Bauern selbst wird es natürlich
auch ungemütlich. Was man denn denke, was passiere,
wenn der Eine im Stall die Pest habe, die Kollegen drumherum
aber noch nicht.
Wenn er noch einmal 20 wäre, würde
er unter diesen Umständen noch einmal anfangen?
"Ich bin Bauer aus Überzeugung, aber mein
Betrieb läuft aus, ich habe keinen, der ihn übernimmt.
Als Jungbauer in Sachen Schweine zu investieren, das
macht jedenfalls keinen Sinn, bis die Pest ausgerottet
ist." Und er erzählt von Junglandwirten, die
Hunderttausende in die Zuchtschweineställe investiert
hätten: "Die Produktionsausfälle jetzt.
Und die Schulden laufen ja weiter. Das kriegen die nicht
mehr hin".
Vielleicht ist alles ja auch nur eine
Art schreckliches Endzeitmenetekel. Und mit dem neuen
Millennium ist alles vorbei. Nach Weihnachten, in 2000,
steht Bauer Fischbach "mit rund 100 Ferkeln am
Markt an". Den Platz hat er ja gar nicht im Stall.
Viel bekommen wird er dafür nicht. "Und dann?
Soll ich die Stalltüren öffnen, und sie einfach
laufen lassen?"
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