| Banken, Versicherungen, Apotheken - das waren Jahrzehnte lang Synonyme für Stabilität und gute Renditen. "Teuer wie eine Apotheke" lautet ein Sprichwort. Doch es stimmt schon länger nicht mehr. Spätestens seit 2004, als der Internet-Versandhandel für Medikamente begann, ist die vormals heile Welt der Apotheker auch in der Region nicht mehr in Ordnung. Nun drängen "Doc Morris & Co" mit Macht auf den deutschen Markt. Und Drogeriemärkte wollen ebenfalls im lukrativen Pillen-und-Tabletten-Markt dabei sein. Das kostet Umsatz-Margen, so viel steht fest. Und jetzt hat auch noch das Bundesverwaltungsgericht Mitte März die Rechtmäßigkeit der Versandhandelsapotheken am Beispiel der DM-Märkte in NRW bestätigt. Was nun? Wir fragten Apotheker in der Region nach Überlebensrezepten und ihrer Meinung zum Thema. |
| Friedhelm Knie ist seit 30 Jahren Apotheker in Hillesheim und eher ein gelassener Mensch. Doch auch den Inhaber der "Löwen-Apotheke" kann man zum Stichwort jederzeit fragen: "Unsere Gesundheit ist ein zu wichtiges Gut, als dass man ein Medikament mit Lebensmitteln auf eine Stufe stellen könnte", warnt er vor dem Versandhandel mit Arzneimitteln, der in Nordrhein-Westfalen in 80 Schlecker-Filialen schon Realität geworden ist. Auch Knie hat auf die neuen Marktverhältnisse reagiert und ist mittlerweile bei einer Großhandelskooperation eingestiegen. "Meine Apotheke" bietet den Mitgliedern günstigere Konditionen beim Einkauf. Rund 40 solcher Zusammenschlüsse gibt es mittlerweile bundesweit. Ein Versuch, die Konkurrenz mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. |
| Knie wie seine Kollegen sind natürlich beunruhigt, denn fest steht, dass per Internet und im Versandhandel rezeptfreie Medikamente zu Preisen angeboten werden können, die der Apotheker vor Ort einfach nicht bieten kann. Im Falle der "Löwen-Apotheke" müssen immerhin fünf pharmazeutisch-technische Assistenten und drei Apotheker entlohnt werden, Kosten, die im Internet oder in der Drogerie im Einwurfkasten bei der flotten Bestellung nicht anfallen. |
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| Friedhelm Knies
"Löwen-Apotheke" in Hillesheim ist sogar durch die rheinland-pfälzische Apothekerkammer zertifiziert. |
| Doch dafür bietet Knie wie seine Kollegen auch einiges an, was die neue Konkurrenz ihrerseits nicht vorweisen kann: Fachpersonal und kompetente Beratung, Sonntags- und Nachtdienste, Qualitätsmanagement (die "Löwen-Apotheke" mit Zertifikat durch die rheinland-pfälzische Apothekerkammer), Weiterbildung der Mitarbeiter, individuelle Arzneimittelherstellung, die sofortige kostenlose Überprüfung auf Verträglichkeit von Medikamenten per Software-Check, Kundenkarte und vieles mehr. "Wir sehen die Apotheke als Gesundheitszentrum", so Knie. |
| Das ist, wenn man so will, vielleicht auch das wichtigste "Alleinstellungsmerkmal" der "Brunnen-Apotheke" in Gerolstein. Inhaber Walter Raspe hat sein Geschäft zudem auf ganzheitliche Medizin spezialisiert - und macht aus seiner Meinung keinen Hehl: "Internet- und Versandhandelsapotheken haben mit all dem, was für einen Apotheker Pflicht ist in Deutschland nichts zu tun". Das fange beim Nacht- und Sonntagsdienst an, der in aller Regel bezogen auf die Kosten im Vergleich zum Umsatz sich nicht rentiere, und höre bei den Personalkosten ("50 Prozent von allem") nicht auf. |
| Raspe sieht als Grund für das Aufkommen der neuen Konkurrenz - auch wenn nach einer Untersuchung der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände 93 Prozent der Deutschen ihr Rezept nach wie vor beim Apotheker vor Ort einlösen - Versäumnisse in den eigenen Reihen: "Unsere Lobby hat das total verpennt", schimpft Raspe, und warnt: "Wenn Drogerieketten wie Schlecker oder DM auch bei uns auf die Schiene gehen und Versandhandel anbieten, wird sich die Apothekenlandschaft verändern. Wer bisher nach Gerolstein oder Daun mit dem Notdienstrezept fuhr, der muss dann mindestens bis nach Bitburg". Das nenne man "englische Verhältnisse", wo man bezogen auf den Umbau der Apothekenlandschaft schon ein paar Schritte weiter ist als hierzulande. |
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| "Unsere
Lobby hat das total verpennt": Apotheker Walter Raspe ("Brunnen Apotheke", Gerolstein) sieht Versäumnisse in den eigenen Reihen. |
| Zudem kritisiert Raspe die Folgen der verschiedenen Gesundheitsreformen. So sei die Zahl der Verschreibungen in den vergangenen zehn Jahren "um 50 Prozent zurückgegangen." Man werde "nicht mehr nach dem Umsatz sondern nach der Anzahl der Medikamente bezahlt", so des Fachmanns Fazit. Er prognostiziert: "In den kommenden zehn, 20 Jahren wird es 50 Prozent weniger Apotheken in Deutschland geben". |
| Um davon nicht betroffen zu sein, hat sich auch Raspes Gerolsteiner Kollegin Julia Schildgen-Karl etwas einfallen lassen. Seit 1998 hat sich die Inhaberin der "Linden Apotheke" auf Angebote speziell für Diabetiker und Multimorbide (Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen, Übergewicht) konzentriert, und ebenfalls vor zehn Jahren eine "Diabetiker-Selbshilfegruppe" gegründet. Die Resonanz über die Region hinaus gibt ihr Recht. |
| Schildgen-Karl ist keiner Apothekenkooperation angeschlossen, weil sie "unabhängig und frei in meinen Entscheidungen" bleiben will. Natürlich ist "Doc Morris" daher ihr Feindbild: "Die übernehmen Apotheken, denen es ohnehin nicht gut geht, dafür muss die Apotheke einen monatlichen Beitrag zahlen und wird bezogen auf das Marketing entsprechend standardisiert". Morris arbeitet übrigens wie andere Internet- oder Versandhandelsapotheken mit Pharmagroßhändlern zusammen, die aufgrund der Mengen für kostengünstigen Einkauf rezeptfreier Medikamente sorgen. Die Preisvorteile durch solche Großeinkäufer liegen bei bis zu 30 Prozent gegenüber dem Apotheker vor Ort. |
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| Julia Schildgen-Karl
("Linden-Apotheke", Gerolstein) glaubt das die individuelle Beratung nach wie vor der größte Vorteil der Apotheke vor Ort ist. |
| Seit 2004 ist es mit der vollkommenen Unabhängigkeit der "Adler-Apotheke" in Prüm hingegen vorbei. Inhaber und Apotheker Ulrich Keller, der das Geschäft in 3. Generation führt, hat sich der "Linda-Gruppe", nach Kellers Angaben die größte Apotheker-Kooperation in Deutschland angeschlossen. Seitdem prangt der "Linda"-Schriftzug außen auf den Schaufensterscheiben - die Qualität in Beratung und angebotenen Dienstleistungen der Apotheke selbst hat sich natürlich nicht verändert. |
| Keller wie seine Kollegen sieht das mächtigste Bollwerk gegen ein unaufhaltsames Apothekensterben vor allem im geltenden "Apothekengesetz". Das schreibt im wesentlichen vor, dass die Zahl der Filialen eines Besitzers auf drei maximal vier zu beschränken ist, die Zweigstellen der Apotheke X müssen zudem in festgelegten engen regionalen Radius zu finden sein. Ob das Gesetz eines Tages fällt, ist auch für Keller mit Blick auf die Zukunft eine wichtige Frage. |
| Aktuell kriegt Keller immer mal wieder Anrufe von der Bundespolizei. Die hält bei der Zollkontrolle die Lieferwagen der Medikamenten-Versandhändler aus Belgien und den Niederlanden an und will vom Fachmann im nahen Prüm wissen, ob sie die Arzneien einfach so über die Grenze lassen kann. Aus Kellers Erfahrung sind auch zunehmend die Rezept verschreibenden Ärzte verunsichert, wie sie es mit den neuen Anbietern halten sollen. |
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| Apotheker Ulrich
Keller ("Adler Apotheke", Prüm) warnt vor allem vor den Gefahren unsicherer Medikamentensicherheit durch Versandhandel- und Internetapotheken. |
| Dahinter steckt das Problem der Medikamentensicherheit. Keller: "Jedes Medikament hat ein janusköpfiges Gesicht. Es ist heil bringend, kann aber in Kombination mit anderen auch gefährlich sein". Wer stehe für die sichere Beratung im Internet an der Hotline denn wirklich ein, will er wissen. Und warnt zugleich vor der hohen Zahl nachgewiesener Medikamentenfälschungen, wie sie zu Billigstpreisen gerade über das "www" vertrieben werden. "In den Entwicklungsländern sind 90 Prozent aller Medikamente Fälschungen. Sie enthalten entweder falschen, zu niedrigen oder gar keinen Wirkstoff", zitiert Keller Untersuchungsergebnisse zum 35-Milliarden-Euro-Markt, des Medikamentenversandhandels rund um den Globus. Das betrifft nicht nur Viagra. |
| "Wir haben eine lenkende und koordinierende Funktion im Gesundheitssystem", betont Apotheker Keller wie seine Kollegen aus der Region. Man hat das Gefühl, dass möglicherweise die Gesundheitspolitiker in Berlin und Brüssel die Bedeutung dieser Rolle zurzeit aus den Augen verlieren. |
| Eifelschreiber.de - Stefan Lieser |
| für Orange 7 2008 |
| "Wir haben eine lenkende Funktion im Gesundheitssystem" |
| Apotheken in Zeiten von "Doc Morris & Co": Kreativität ist gefragt um im Markt zu bestehen |